Queersensible Pastoral

Gleich an Würde und Respekt

Heiko Hauger und Marian Antoni teilen sich in der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Projektstelle „Queersensible Pastoral“. Gemeinsam wollen sie das Thema in die Gesellschaft tragen.

Marian Antoni und Heiko Hauger stehen auf einer Treppe und lächeln © drs/Nelly Swiebocki-Kisling
Marian Antoni und Heiko Hauger von der Projektstelle „Queersensible Pastoral“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Im Oktober 2024 wurde für das Projekt „Queersensible Pastoral“ eine Stelle in der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft geschaffen. Marian Antoni und Heiko Hauger teilen sich die Projektstelle, die zunächst für drei Jahre eingerichtet wurde. In 21 von 27 Diözesen in Deutschland gibt es bereits Ansprechstellen, die auf die Erfahrungen und Bedürfnisse von LGBTIQ+ Menschen (Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, intergeschlechtlich, queer und andere) eingehen und sie in ihrer seelsorgerischen Praxis einschließt. Unterstützt wird diese Initiative unter anderen vom Diözesanrat und von der diözesanen Gruppe der Initiative „OutInChurch – für eine Kirche ohne Angst“, einen Verein, der sich für queere Belange und Rechte innerhalb der katholischen Kirche stark macht. Zusammen mit dem Diözesanverband BDKJ, OutInChurch und der Caritas setzt die Projektstelle „Queersensible Pastoral“ beim CSD in Stuttgart am 26. Juli ein Zeichen für Toleranz und gegen Diskriminierung.

„Wir als Kirche sind berufen alle Menschen zu begleiten“

Projektreferent Heiko Hauger erklärt die Aufgaben des Projekts in der Diözese: „Wir als Kirche sind berufen alle Menschen zu begleiten. In der Kirche ist die gesamte Vielfalt schon immer da. Der Unterschied ist heute, dass queere Menschen in ihrer ganzen Vielfalt zunehmend sichtbar sind – und das ist auch gut so. Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger:innen Christi, wie es sinngemäß in der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils heißt. Gerade Menschen, die sich nicht in der Mehrheit befinden, bedürfen unserer Begleitung in ihrer Selbstwerdung und -findung. Das ist eine originäre Aufgabe von Seelsorge. Seine Vision sei es, das Thema in die Gesellschaft und an möglichst viele Orte der Diözese zu bringen, nicht nur in Stuttgart, sondern auch im ländlichen Bereich. Das wünscht sich auch Projektkollege Marian Antoni: “Wir möchten, dass queere Menschen sich im Raum der Kirche als gesehen, sicher und gleich an Würde und Respekt erfahren, und dass sich unsere Diözese zu einem Vorbild der Gesellschaft entwickelt, dass Kirche sich solidarisch einsetzt und klar zu Wort meldet.“

Weil die Stelle geteilt ist, können die beiden mit den unterschiedlichen Perspektiven und den Erfahrungen, die sie aufgrund ihrer verschiedenen Generationszugehörigkeit und persönlichen Verortungen innerhalb der queeren Community mitbringen, die Vielfältigkeit des Themas im Team diskutieren und produktiv in ihre Arbeit einfließen lassen. Heiko Hauger erklärt weiter: „Die Kirche hat eine Vorbildfunktion, deshalb war eine der ersten Fragen auch: Wie gehen wir miteinander im Dialograum Kirche um? Im Kontakt mit Vereinen, Verbänden und Einrichtungen, die sich gesamtgesellschaftlich für queere Menschen einsetzen, wollen wir nicht diejenigen sein, die nun im Austausch die religiösen Überzeugungen überstülpen. Uns geht es vielmehr darum, uns mit den verschiedenen Gruppen zu vernetzen.“

„Queersensible Pastoral“ wichtiges Thema für die Kirchen

Warum „Queersensibles Pastoral“ ein wichtiges Thema für die Kirchen ist, erörtert auch Marian Antoni: „Menschen, die sich außerhalb der heteronormativen Geschlechts- und Beziehungsvorstellungen verorten, müssen nicht selten unter großem Ringen und mit intensiven Auseinandersetzungen verbunden, in ihre eigene Identität hineinwachsen. Sich selbst anzunehmen und sich immer mehr selbst zu finden hat viel mit der christlichen Message der Menschwerdung zu tun.“ Die Bibel bezeuge, so Antoni weiter, eine existentielle, teils auch heftig durchlittene Befreiungsgeschichte der Menschen mit ihrem Gott, die am Ende die Menschen ins Leben führen möchte.

Veranstaltungen für queere Menschen und ihr Umfeld

Um ihre Vision umzusetzen haben die beiden Referenten bereits konkrete Meilensteine definiert. Es sollen Veranstaltungen für queere Menschen, ihre Eltern, Familien und interessierten Unterstützer:innen angeboten werden, wie aktuell der „Wish You Were Queer“- Ausstellungsbesuch in Schwäbisch Gmünd mit Führung, in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung, sind Kino-Abende in der Planung. Darüber hinaus sind Hauger und Antoni in einer größeren Kooperationsgemeinschaft mit involviert bei den Vorbereitungen zu einer zweiten Auflage der Tagung „Queere Menschen und die Kirchen“, die im letzten Jahr an der Akademie der Diözese Rottenburg Stuttgart in Hohenheim stattfand. Auch ein Netzwerk und Kooperationen mit Akteuren in der Community werden gerade aufgebaut, etwa mit der Bundesarbeitsgemeinschaft LSBTI*-Pastoral (Verschiedenheit wertschätzen - LSBTI*-Pastoral in der katholischen Kirche). Die derzeitige Vision beinhaltet auch ein mehrteiliges Qualifikationsangebot für
queersensible Seelsorger:innen. Vor allem wollen die beiden Projektstelleninhaber weiter mit Verbänden, Vereinen und Akteur:innen, die in der Beratung von unterschiedlichen queeren Zielgruppen arbeiten und pädagogische Bildungsveranstaltungen anbieten.

„Stuttgart Pride“ am 26. Juli

Am 26. Juli findet die „Stuttgart Pride“ gegen Diskriminierung und für mehr Toleranz statt. Auch Heiko Hauger und Marian Antoni nehmen an der Demonstration teil – zusammen mit dem BDKJ Rottenburg-Stuttgart, der seit vielen Jahren an der Kundgebung teilnimmt. Mit klaren Forderungen setzen am Samstag auch Caritas-Mitarbeitende ein starkes Zeichen für Vielfalt und Solidarität. Das diesjährige Motto des CSD lautet: „Nie wieder still! Laut für Freiheit. Stark für Vielfalt“. Marian Antoni erklärt, warum es gerade jetzt so wichtig ist, dass die Kirche dabei ist: „Im Moment beobachten wir, wie die Toleranz wieder Rückschritte erleidet. Der queeren Community wird mittlerweile von manchen Seiten ihre Sichtbarkeit vorgeworfen. Fundamentalistische religiöse Narrative werden von extremen, politisch agierenden Gruppierungen herangezogen und für ihre Zwecke radikal umgedeutet und für die Begründung von Ablehnung und Hass missbraucht. Dagegen setzen wir aktiv Zeichen.“ Heiko Hauger ergänzt: „Die gesamtpolitische Situation hat sich verändert. Auch in Deutschland nimmt die Gewalt gegen Minderheiten wieder zu, auch gegen die queere Community. Dazu kommt, dass Menschen zuerst in ihre eigene Sichtbarkeit und Identität hineinwachsen müssen. Der CSD will all diesen Menschen Mut machen.“

Ökumenischer Gottesdienst in der Johanneskirche am Feuersee

Vor der Parade feiert die Community in der Johanneskirche am Feuersee einen ökumenischen Gottesdienst zum Thema „Nie wieder still!“ Im Anschluss nehmen die beiden Referenten an der Demonstration teil. Am Sonntag sind sie dann gemeinsam mit der Allianz „Vereint unterm Regenbogen - Schalom, Salam, Merhaba und Grüß Gott*“ auf der Info-Meile präsent.

Über Heiko Hauger und Marian Antoni vom Projekt „Queersensible Pastoral“ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart:

Marian Antoni studierte Theologie und Erziehungswissenschaft und hatte in der Erzdiözese Freiburg im Referat Frauen - Männer - Gender die Referentenstelle für Frauen*/FINTA*Pastoral in der Region Bodensee-Hohenzollern inne (* steht für FINTA. Das Akronym steht für Frauen, Intergeschlechtliche, Nichtbinäre, Trans- und Agender Personen). Bevor er zur Diözese Rottenburg-Stuttgart kam, hat Marian Antoni Workshops zu diesem Thema gegeben. Engagement am Jugendspirituellen Zentrum „DerBerg“, katholische Hochschulgemeinde Tübingen. Zuletzt Ausbildung als Geistlicher Begleiter für Junge Menschen am Zentrum für Berufungspastoral in Frankfurt St. Georgen absolviert.

Heiko Hauger hat Katholische Theologie studiert. Seit über 18 Jahren engagiert er sich für den Queergottesdienst in St. Fidelis in Stuttgart. Nach seinem Studium hat er fast zwei Jahrzehnte für ein Beerdigungsinstitut gearbeitet und Menschen in Trauer begleitet. Durch die Änderung der Grundordnung wurde die Arbeit jetzt in der Diözese möglich. Heiko Hauger sagt: „Ich bleibe dabei, weil wir alle zusammen Kirche sind und hoffend miteinander unterwegs auf den Spuren Jesu.“

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